Zwischen Ohnmacht und Puppenbett

Wie lange habe ich nicht mehr mit Puppen gespielt? Ich kann mich gar nicht daran erinnern… 

Ist sicher schon einige Jahre her. Hätte man mir vor meinem Einsatz in der stationären Langzeitpflege gesagt, dass ich mit Puppen spielen werde, hätte ich sicher gelacht. Jetzt weiß ich, dass es einer Bewohnerin mit demenziellen Veränderungen sehr gutgetan hat, mit mir gemeinsam mit „ihrem Mäuschen“ zu spielen. Frau Siedler* hatte die Bedürfnisse von Mäuschen immer ganz genau im Blick.

Das Mäuschen muss schlafen, es braucht eine Decke und sicher hat es jetzt Hunger und Durst. 

Als ich das erste Mal auf die mit dem Mäuschen spielende Frau Siedler im Alter von 94 Jahren traf, habe ich mich noch ein kleines bisschen schwergetan, mich richtig und wahrhaftig auf diese Situation einzulassen. Im Verlauf des Einsatzes habe ich erkannt, was für einen fabelhaften Zugang ich zu Frau Siedler erlangen kann, wenn ich sie „über das Mäuschen“ zum Trinken motivieren kann oder dazu, ihre Medikamente einzunehmen… 

Nach einigen wenigen Tagen gehörte es jedenfalls zu meinem festen Ritual, morgens nicht nur Frau Siedler nach ihrem Befinden zu fragen, sondern mich gleichermaßen dafür zu interessieren, wie das Mäuschen denn geschlafen hat. „Ach Mareike, wissen Sie, heute Nacht war es ganz schlimm. Ich glaube, das Mäuschen ist jetzt zu groß, um bei mir mit im Bett zu schlafen. Sie braucht ganz sicher ein Puppenbett. Wo bekomme ich das denn jetzt her?“

Puh, ja… ähm… da muss ich auch erstmal überlegen. Als kurzfristige Maßnahme war Frau Siedler mit einer Sofaecke und zwei Sofakissen einverstanden… nehmen wir es erstmal so hin. 

Auf der anderen Seite des Flures zeichnet sich zur selben Zeit eine ganz andere Situation ab.:

Frau Schöne*, Anfang 80, ist an Parkinson erkrankt. Ihr Tremor macht ihr in letzter Zeit große Probleme, die neu angepasste Medikation hat einiges durcheinander gewürfelt. Frau Schöne erleidet an diesem Abend eine kurze Synkope von ca. 20 Sekunden, die mir als Auszubildende zwar aufgefallen ist, aber nicht als solche benannt werden konnte. Ich habe gegenüber meinen examinierten Kolleg*innen immer unmittelbar weitergegeben, welches Bild sich mir gerade zeigt. Ich habe versucht, möglichst anschaulich zu beschreiben, wie Frau Schöne gerade genau im Rollstuhl sitzt, wie ihre Mimik ist und wie ihre Augen sind und natürlich habe ich auch die Vitalzeichen weitergegeben. 

Frau Schöne ging es gar nicht gut. Sie war weder orientiert, noch konnte sie sich adäquat äußern. Jetzt denkt ihr vielleicht: „Mensch, die müssen einen RTW rufen. Wieso tun die denn nichts?“ Wir konnten nichts dergleichen für sie tun. Der Neurologe war bereits über ihr Befinden informiert.

Bis medikamentöse Anpassungen bei dieser chronischen Erkrankung Wirkung zeigen, dauert es durchaus ein paar Tage. 

Häufig müssen im Blut bestimmte Wirkstoffspiegel** aufgebaut werden. Leider ist es nicht möglich, „diese eine Tablette“ zu verabreichen und damit die Symptome mit einem Fingerschnips zu lindern. “Austherapiert” ist hier das Stichwort, welches einfach nicht in meinen Kopf wollte. „Diese Ohnmacht, Mareike, die du gerade fühlst, wird dir leider noch häufiger auf deinem Weg begegnen.“, gab mir meine Praxisanleiterin in der Reflexion dieses Ereignisses mit auf den Weg. Ich nickte stumm. Mir fehlten dir Worte. 

Aber weiter geht‘s, die Schicht ist noch nicht vorbei. Und außerdem wollte ich doch für Frau Siedler auch noch ein Puppenbett aus einem Pappkarton basteln… 

 

*Name geändert
** Vor allem bei Parkinson

Bisher gelesen: 123 mal.

Mareike Duhnsen
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1 Kommentar

  1. Liebe Mareike,
    danke für deinen Text und die wirklich besondere Situation die du erlebt hast. Dein Schreibstil ist ganz wundervoll und ich bin schon ganz gespannt noch mehr von dir und deinen Eindrücken aus der Pflege zu erfahren.
    Viele Grüße Sunny

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