Es ist der 15. Mai 2021, ich habe Frühdienst. Ziemlich genau 4 Wochen bin ich nun in der Praxis unterwegs und finde mich von Tag zu Tag besser zurecht. 100% unserer zu Pflegenden sind mit Covid-19 infiziert. Auf einer ganz anderen Ebene habe ich plötzlich mit der weltverändernden Pandemie zu tun. Ich kenne es gar nicht, unverkleidet, also „normal“, ohne Schutzkleidung in ein Patientenzimmer zu gehen. Heute wird eine zu Pflegende aus der Isolation entlassen. Sie ist nicht mehr infektiös, d. h. wir Pflegenden können ohne Schutzkittel, Handschuhe, Schutzbrille und FFP-2- Maske das Zimmer betreten. Außer einem OP-Mundschutz ist keine weitere Schutzkleidung erforderlich. Was für ein befreiendes Gefühl… 

Eine zu Pflegende, nennen wir sie Frau Wilhelm, war über drei Wochen in einem Isolationszimmer. Sie litt sehr unter der Einsamkeit, die sie in dem Iso-Zimmer erfuhr. Lediglich der Kontakt zu den Pflegenden, den ärztlichen KollegInnen sowie zu der Seelsorge blieb Frau Wilhelm.

Heute Morgen äußert Frau Wilhelm mir gegenüber den Wunsch, endlich mal die vier bekannten Wände zu verlassen um mit mir einen Kaffee trinken zu gehen – du ahnst es schon: Das läuft natürlich nicht 😀 Also bringe ich ihr einen Kaffee ins Zimmer und bespreche im Vorfeld mit meinen KollegInnen die Möglichkeit, mit Frau Wilhelm die Station zu verlassen, vielleicht sogar an die frische Luft. Sicher kannst du dir vorstellen,  dass das nicht jederzeit mal eben so möglich ist. Aber heute passt es in den Stationsablauf. Dreißig Minuten Ausflug mit Frau Wilhelm. Mit einer mobilen Sauerstoffflasche, einem Mobilisationsstuhl, Decke, Kissen und Mund-Nasen-Schutz bewaffnet machen Frau Wilhelm und ich uns auf den Weg. Ich schiebe die Mitte 70-jährige Frau den Klinikflur entlang, sie schaut durch das Fenster und beginnt vor Freude zu weinen. Ich schiebe sie raus, in den Garten der MHH, an die frische Luft und der Wind weht ihr leicht durch die Haare. Es kullern weitere Freudentränen.  

Wir genießen beide diesen besonderen Augenblick, lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Ich höre mir viele Geschichten und Anekdoten an und erfreue mich einfach an ihrer Freude. Ihre Freude, das Zimmer zu verlassen und frische Luft zu spüren. Etwas, was du und ich selbstbestimmt jeden Tag erleben können, ohne irgendeine Abhängigkeit.  

Ich pflücke eine Pusteblume für Frau Wilhelm und gebe sie ihr in die Hand: „Ich puste gleich an der Pusteblume und wir wünschen uns beide etwas, ja? Einen großen Wunsch haben Sie mir ja schon erfüllt.“

Nachdem wir uns still etwas wünschen, pflücke ich für Frau Wilhelm noch ein paar Gänseblümchen, welche ich ihr als kleine Erinnerung an diesen Moment auf den Nachtschrank stelle. 

Auf dem Weg nach Hause denke ich über meinen heutigen Arbeitstag nach und ich weiß ganz sicher: DAS ist mein WARUM.  

Alles Liebe,

eure Mareike

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Mareike Duhnsen
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